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Zeit und Raum
Vorläufige Gedanken
Dass die Welt räumlich und zeitlich geordnet ist, ergibt sich aus meinen
Wahrnehmungen:
Ich habe zwei Augen, die sich an verschiedenen Stellen meines Gesichtes befinden
und die deshalb zwei unterschiedliche Bilder an mein Gehirn senden. Dadurch
ist
mir ohne eigene Ortsveränderung ein plastisches, räumliches Sehen möglich.
Ich öffne die Augen und bemerke in meinem Blickfeld Ungleiches: An einer Stelle ist es hell, an
einer anderen Stelle ist es dunkler. Mit dieser Wahrnehmung eines
Unterschieds zwischen zwei Orten ("Hier ist es
jetzt dunkel,
dort ist es jetzt nicht dunkel") ist die
Grundlage für eine räumliche Wahrnehmung und den Aufbau eines
räumlich
geordneten Weltbildes gelegt.
Ich halte die Augen weiterhin geöffnet und bemerke Ungleiches: Dort, wo es
dunkel war, ist es jetzt nicht mehr dunkel. Mit dieser Wahrnehmung eines
Unterschieds zwischen zwei Zeitpunkten
("Erst ist es hier dunkel, dann ist es hier nicht mehr dunkel") ist die Grundlage für eine
zeitlich
geordnete Wahrnehmung und den Aufbau eines zeitlich geordneten Weltbildes
gelegt.
***
Angenommen, ich öffne meine Augen und ich sehe nichts als ein gleichförmiges Grau.
Dann kann ich aus dieser Wahrnehmung keinerlei Räumlichkeit ableiten.
Da ich aber z. B. unterschiedliche helle Stellen sehe, kann ich den Ort der
einen (helleren) Stelle von dem Ort der anderen (dunkleren) Stelle unterscheiden
und entnehme meiner (optischen) Wahrnehmung eine räumliche Welt, in der es Orte gibt ("hier" und "dort", "vor" und "hinter", "über" und "unter", "links daneben" und "rechts daneben"), Richtungen ("von" und "nach") und
Entfernungen ("nah" und "fern") gibt.
Das Räumliche, das sich aus dem optischen Eindruck einer hellen und einer
dunklen Stelle ergibt, ist das Nebeneinander von Unterschiedlichem. Wenn Helles
und Dunkles nicht nebeneinander, also an verschiedenen Orten liegen würden,
könnte ich sie nicht unterscheiden.
***
Wenn ich meine Augen öffne und sehe nur ein und dasselbe
unveränderliche Bild, dann kann ich aus dieser Wahrnehmung keinerlei
Zeitlichkeit ableiten (obwohl ich ein Erinnerungsvermögen habe, in dem die
Bewusstseininhalte mit ihrer zeitlichen Abfolge geordnet abgelegt werden, so
dass mir grundsätzlich der Aufbau eines zeitlich geordneten Weltbildes möglicht
ist.)
Wenn ich aber z.B. sehe, dass sich etwas an dem Bild verändert,
kann ich den Zeitpunkt des ursprünglichen Bildes von dem Zeitpunkt des
veränderten Bildes unterscheiden und entnehme meiner (optischen) Wahrnehmung
eine zeitliche Welt, in der es Zeitpunkte gibt ("früher" und "jetzt, "vorher"
und "nachher", "lange vorher" und "kurz vorher"). Das Zeitliche, das sich aus
dem optischen Eindruck einer Veränderung ergibt, ist das Nacheinander
von Unterschiedlichem.
***
Dass die Welt räumlich und zeitlich geordnet ist, ergibt sich
nicht nur aus der optischen Wahrnehmung sondern auch aus der Wahrnehmung mittels
anderer Sinnesorgane. Ich höre z. B. räumlich (stereofon durch zwei Ohren) die
Richtung, aus der der Ton kommt und ich höre die Entfernung von der Tonquelle
(z. B. an der Zusammensetzung der hohen und tiefen Frequenzen). Ich kann die
schmerzende Stelle in meinem Körper lokalisieren und ich kann die Frage: "Wo tut
es weh?" beantworten. Ich kann mittels meines Gleichgewichtssinns "oben" und
"unten" unterscheiden u.a.m..
Die Wahrnehmungen der verschiedenen
Sinnesorgane erfolgen koordiniert. Ich spüre dann den Schmerz, wenn die Nadel in
meinen Arm sticht. Ich höre dann den Lärm des Motorrads, wenn es an mir
vorbeifährt. Ich höre den Donner kurz nachdem es geblitzt hat. So bauen sich die
Gegenstände meines Weltbildes in ihren verschiedenen Erscheinungsformen auf.
***
Die raumzeitliche Ordnung der Welt ist intersubjektiv übereinstimmend. Wenn der Schiedsrichter zu den Wettläufern sagt: "Erst wenn ihr den Schuss aus meiner Pistole hört, dürft ihr loslaufen!", so starten die Läufer mehr oder weniger gemeinsam.
Zumindest für alle Gegenstände, die sich nicht mit annähernder Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, sind die bisherigen Feststellungen zutreffend.
***
Die Frage ist:
Wird die raumzeitliche Strukturierung der Welt erst durch unser menschliches
Bewusstsein erzeugt, oder ist es sinnvoll ist zu sagen, dass es die raumzeitliche Strukturierung
der Welt unabhängig von irgendeinem bewusst erkennenden Subjekt gibt?
Es erscheint gewöhnlich als selbstverständlich, dass die Welt raumzeitlich
strukturiert ist, auch unabhängig davon, ob dies irgendeinem Menschen bewusst
ist. Ein Beispiel:
Wissenschaftlichen Untersuchungen gemäß gibt es Menschen seit einigen
Millionen Jahren. Die Erde gibt es jedoch bereits seit ca. fünf 5 Milliarden
Jahren. Das bedeutet: Schon bevor es Menschen gab, umkreiste die Erde die Sonne.
Dies ist jedoch ein raumzeitliches Geschehen, das wir uns unabhängig von
jeglicher Wahrnehmung durch irgendein Subjekt vorstellen.
***
Die Geometrie als Modelltheorie des Raumes
Als Beleg für die aller Wahrnehmung zugrunde liegende räumliche Struktur, die
wir nicht aus der Erfahrung gewinnen, führt Kant die euklidische
Geometrie an.
Bei den Gegenständen der Geometrie, wie
z. B. einem ebenen Dreieck, handelt es sich um gedankliche Konstruktionen. Die mengentheoretische
Formulierung der Geometrie benutzt als einen Grundbegriff den "Punkt". Dieser
ausdehnungslose geometrische Ort kommt in der Wirklichkeit nicht vor.
Entsprechendes gilt für die "Gerade".
Diese geometrischen Gebilde sind theoretische räumliche Modellkonstruktionen,
die es als solche empirisch nicht gibt, die jedoch - bezogen auf eine
entsprechende Genauigkeit - empirisch
interpretiert werden können.
Die mit einem spitzen Bleistift und einem Lineal auf einem Blatt Papier gezogene
schmale empirische Linie kann als eine "Gerade" im Sinne des theoretischen
geometrischen Modells interpretiert werden und der Ort, an dem sich zwei schmale
empirische Linien kreuzen, kann als ein "Punkt" im Sinne des theoretischen
geometrischen Modells interpretiert werden, sofern eine Genauigkeit von +
und - 1 Millimeter genügt. Wenn diese empirische Interpretation der
theoretischen Begriffe möglich ist, gelten alle Gesetze der euklidischen
Geometrie auch für derartige Bleistiftzeichnungen auf Papier.
Die Bleistiftzeichnungen können sicherlich nicht mehr als Elemente der
euklidischen Geometrie interpretiert werden, wenn eine Genauigkeit von + und - 1
Nanometer erforderlich ist. Wenn ich die Zeichnungen tausendfach vergrößere,
dann wird aus meiner schmalen und geraden Bleistiftlinie ein dicker,
ungleichmäßiger Balken, den ich nicht als eine "Gerade" im Sinne des
theoretischen Modells interpretieren kann. Wenn ich es trotzdem versuche, so
kann es ohne weiteres vorkommen, dass die Winkelsumme eines gezeichnetes
Dreiecks bei empirischer Messung 362 Grad ergibt. Das heißt: das gezeichnete
Dreieck ist kein Dreieck im Sinne des euklidischen Modells.
Außerdem gibt es auch eine nicht-euklidische z. B. sphärische Geometrie, bei der
z. B. die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine Gerade ist. Hier
handelt es sich um eine andere Modellkonstruktion, die auf manchen Gebieten, z. B.
der Erdvermessung, der
euklidischen Geometrie hinsichtlich der empirischen Interpretierbarkeit
überlegen ist.
***
Es gibt kein Zeitmessgerät für die Zeit
Angenommen jemand sagt: "Heute vergeht die Zeit langsamer als gestern."
Eine solche Aussage ist sinnlos, denn es gibt keinen Maßstab, an dem man die
Geschwindigkeit, mit der die Zeit abläuft, messen könnte. Wenn sich
alles langsamer verändert, gibt es kein
unabhängiges Kriterium mehr, anhand dessen eine Verlangsamung festgestellt
werden könnte.
Deshalb ist auch die Frage: "Kann die Zeit stillstehen?" sinnlos. Denn wenn die Zeit
völlig still stehen würde, könnten wir das nicht bemerken. Um den Stillstand
festzustellen, benötigen wir etwas, das nicht still steht sondern sich verändert. Diesen Maßstab kann es
nicht geben. Wenn die Zeit stillsteht, ist eine Ewigkeit genauso lang wie eine
Sekunde.
***
"Warum verläuft die Zeit immer in eine Richtung? Warum kann die
Zeit nicht auch einmal rückwärts laufen, so wie bei einer Filmrolle, die man rückwärts
abspielt?"
Das würde bedeuten, dass alle Zustände der Welt in umgekehrter Reihenfolge
verwirklicht werden. Das würde z.B. bedeuten, dass ich eine Erinnerung habe an
etwas, das noch gar nicht passiert ist. Das ist unsinnig.
Man kann sich in der Fantasie vorstellen, die Zeit würde bis zu
einem bestimmten Zeitpunkt "zurückgedreht" und würde von dort aus noch
einmal neu anfangen.
Wenn man dann anders handeln würde, dann würde die Welt einen anderen Verlauf nehmen als beim ersten Mal. Aber der Konjunktiv zeigt, dass es
sich dabei nur um eine Vorstellung handelt.
Wenn man sagt: "Die Zeit läuft unbarmherzig weiter", so ist das eine ungenaue
Formulierung. Es sind die Veränderungen der Dinge, die unerbittlich ablaufen und die man
nicht einfach anhalten kann wie eine Uhr.
Der Zeiger der Uhr rückt weiter. Aber auch wenn alle Uhren um eine Stunde
zurückgestellt würden, würde sich am realen Ablauf nichts ändern. Wir hätten nur
eine Umbenennung des Zeitpunktes vorgenommen. Niemand würde dadurch eine Stunde
jünger und nichts würde dadurch ungeschehen gemacht.
***
Räumlichkeit und die Zeitlichkeit haben einen engen Bezug zum Begriff der
Wirklichkeit.
Was intersubjektiv (von allen gemeinsam) und intertemporal (dauerhaft) übereinstimmend
wahrgenommen werden kann,
wird als "wirklich" bezeichnet.
***
Siehe auch
die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
Kants
Konzeption synthetischer Urteile a priori *** (42 K)
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Letzte Bearbeitung 14.06.2010 / Eberhard Wesche
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