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Der Mensch
Inhalt:
Der Mensch
Das menschliche Nervensystem
Das menschliche Gehirn
Die Ursachen für die Sonderentwicklung des Menschen
Gründe für die begrenzte Lebensdauer der
Individuen
Der Grund für die
Zweigeschlechtlichkeit
Begrenzte Formbarkeit
entgegen der genetischen Veranlagung
Die besondere Lernfähigkeit des
Menschen
Problematische Erbeigenschaften des Menschen (Atavismen)
Die Auswirkungen von Wissenschaft und Technik
Textbeginn:
Der Mensch
Die Menschen (homo sapiens) haben sich nach unserm heutigen
Wissensstand im Zuge der Evolution des organischen Lebens
vor mehr als 3 Millionen aus den Primaten entwickelt. Menschen unterscheiden sich von
Affen vor allem durch ihr außergewöhnlich großes Gehirn. Vor dem Auftreten der
Hochkulturen lebten die Menschen über Millionen von Jahren in Großfamilien und Stammesgemeinschaften, die
bis zu ca. 500 Individuen umfassten. Sie ernährten sich durch Pflanzen und
Tiere, die gesammelt oder gejagt wurden. Das Leben in diesen
Stämmesgesellschaften veränderte sich kaum. Sprache, soziale Ordnung, Kultur und
praktische Fertigkeiten wurden von Generation auf Generation weitergegeben und
entwickelten sich nur in kleinsten Schritten.
Bei seiner Geburt und auch noch in den ersten Lebensjahren ist ein Mensch
extrem hilfebedürftig, weit mehr und länger als andere Säugetiere. Das Gehirn
des Neugeborenen besitzt erst ca. ein Viertel so viel Nervenzellen wie ein
ausgewachsenes Gehirn. Die
Ausstattung des Menschen mit angeborenen Reflexen ist vergleichsweise gering. Während z. B.
ein Fohlen sofort laufen kann, kann sich ein neugeborenes Kind nicht selbständig
fortbewegen. Erst
nach ca. 1 Jahr kann es gehen. Im Alter von ca. 2 Jahren beginnt es zu
sprechen. Mit ungefähr 11 bis 13 Jahren wird es geschlechtsreif. Das
Körperwachstum und auch das Wachstum des Gehirns ist erst mit ca. 18 Jahren
abgeschlossen.
Die Ursachen für die Sonderentwicklung des Menschen
Die relativ geringe Ausstattung des Menschen mit
angeborenen Reflexen, Instinkten und Fähigkeiten erscheint auf den ersten Blick
als hinderlich für das Überleben. Ganz entgegen diesen Erwartungen hat sich der
Mensch als überlegen gegenüber allen Tierarten erwiesen. Was war der Grund für
diesen erstaunlichen Erfolg? Die Entwicklung hochspezialisierter Instinkte und
Organe bedeutet für einen bestimmten Zeitpunkt einen Überlebensvorteil. Wenn es
jedoch zu Änderungen der Umwelt kommt, kann eine bestimmte Spezialisierung für
das Überleben eher nachteilig sein. Anstelle der genetisch verankerten Instinkte
können Menschen mit einem Gehirn sich an die veränderte Umwelt mit Hilfe
erlernter Verhaltensweisen anpassen, die im Gehirn gespeichert werden. Diese
Verhaltensweisen können im Unterschied zu Instinkten im Gehirn eines Individuums
"gelöscht" und durch andere Verhaltensweisen ersetzt werden.
Die
affenartigen Vorfahren der Menschen lebten in großen Gruppen in den Bäumen der
Urwälder. Da die vorderen Gliedmaßen vor allem zum Klettern dienten und weniger
zum Laufen am Boden, konnten sich geschickte Hände entwickeln mit einem Daumen,
der den vier andern Fingern gegenüber stand.
Außerdem besaßen die
Vorfahren der Menschen durch ihr Gruppenleben wahrscheinlich eine im Vergleich
zu andern Tierarten höher entwickelte Fähigkeit zum Austausch von Informationen
durch bestimmte Laute, die mit Zunge und Stimmbändern erzeugt wurden. Mit Hilfe
einer solchen "Sprache" konnten sie sich im dicht bewachsenen Urwald
verständigen, auch ohne dass ein Sichtkontakt zwischen den Einzelnen bestand.
Affen und Menschen gingen in der Evolution unterschiedliche Wege, als die
Menschen die baumlose Steppe besiedelten. Sie entwickelten den aufrechten Gang
auf zwei Beinen.
Zur Sonderentwicklung des homo sapiens gegenüber den andern Arten haben vor
allem die
folgende Bedingungen beigetragen:
1. Bei den lebend gebärenden Wirbeltieren, den Säugetieren, gibt es eine
länger andauernde Aufzucht der Nachkommen als bei
Eier legenden Wirbeltieren.
Dies gilt in besonderer Weise für den Menschen, dessen Nachkommen
nur mit ca. 25% der ausgewachsenen Gehirnkapazität zur Welt kommen. Menschen
erreichen erst mit ca.
18 Jahren ihre volle Körpergröße.
In dieser Zeit können
die Erwachsenen den Nachkommen überlebenswichtige Fähigkeiten beibringen,
Kenntnisse über die Umwelt vermitteln und ihnennützliche Gewohnheiten und
Verhaltensregeln einprägen.
Die Nachkommen haben in dieser Zeit die Möglichkeit, durch Beobachtung, Nachahmung
und Spiel ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Diese durch Erziehung übermittelten oder
selbständig erworbenen
Lebenserfahrungen werden im Gehirn gespeichert und sind dadurch nicht so starr wie genetisch verankerte
Instinkte. Sie können angesichts veränderter Lebensbedingungen
korrigiert und
verändert werden.
2.
Die erlernten
Verhaltensweisen und Informationen konnte der Mensch in einem besonders
leistungsfähigen
Großhirn speichern, das im Verlauf der Evolution der Menschengattung immer
größer wurde.
(Der weiteren Vergrößerung des menschlichen Gehirns sind offenbar biologische Grenzen
gesetzt. Da dies mit einer Vergrößerung des Kopfes der Neugeborenen verbunden
ist, kommt es dann bei der Geburt häufiger zu Komplikationen wegen des dafür
sehr engen Geburtskanals der Frau).
3. Da die Menschen - so wie die andern Primaten - in Großgruppen leben,
konnten sie leistungsfähige Mittel der Verständigung untereinander ausbilden.
Neben den visuellen Verständigungsformen wie Gebärdensprache, Blickkontakt und Gesichtsausdruck
sind das vor allem die durch die Stimmbänder und eine ungewöhnlich
bewegliche Zunge
gebildeten unterschiedlichen sprachlichen Laute.
Damit ist auch ohne Sichtkontakt eine
Verständigung ermöglichen.
4. Das am besten entwickelte Sinnesorgan beim Menschen sind die Augen, während
Geruchssinn und Gehör vergleichsweise wenig entwickelt sind. Die Verarbeitung
optischer Signale nimmt im Gehirn des Menschen folglich einen breiten Raum ein.
Beim Wechsel seines Lebensraumes vom Wald in die baumarme
Steppe, der sich vor ca. 1 Millionen Jahren vollzog, konnte der
aufrecht
gehende Mensch mögliche Feinde oder Beutetiere bereits auf große Entfernung sehen.
Trotz seiner Unterlegenheit in Bezug auf Schnelligkeit, Muskelkraft und Bisswaffen war der Mensch so
überlebensfähig.
5. Von seinen affenähnlichen Vorfahren, die auf Bäumen lebten und kletterten,
erbte der Mensch eine im Vergleich zu den Vorderpfoten der nicht auf Bäumen
lebenden Vierbeiner sehr bewegliche 5-fingrige Hände mit einem
Daumen,
der den andern Fingern gegenüber steht und deshalb gut zum Greifen und
Halten geeignet ist.
Als der Mensch
aufrecht auf zwei Beinen gehend in der Steppe lebte und die Hände nicht mehr
zum Klettern benötigte, konnte sich die Handgeschicklichkeit weiter entwickeln.
Dies war die Voraussetzung für die Herstellung von Hilfsmitteln jeder Art, sei
es Bekleidung als Schutz vor Kälte, Waffen zum Jagen von Tieren und zum
Kampf gegen andere Stämme oder Werkzeuge zum Bearbeiten von Holz.
Der Steuerung der Handbewegung dient im
Gehirn dementsprechend ein relativ großer Bereich.
Das menschliche Nervensystem
An der Struktur des auf elektro-chemischer Basis arbeitenden menschlichen Nervensystems ist ablesbar, wie sich
ausgehend von den einfachen
Nervenknoten eines Wurmes immer kompliziertere Systeme aus Nervenzellen entwickelt haben, wobei
die älteren Systeme nicht verschwanden, sondern integriert und überlagert wurden
durch neuartige Steuerungssysteme. Neben einfachen, reflexartigen
Reiz-Reaktions-Schaltungen verfügt der Mensch auch über unwillkürlich arbeitende Systeme wie das vegetative Nervensystem und die hormonale
Steuerung. Er verfügt aber auch über zentralisierte willkürliche Systeme wie das motorische
System bis hin zu den hochkomplexen Funktionszentren des Großhirns zur
Verarbeitung von Sinnesreizen u. a., die jedes aus
100 Millionen Nervenzellen und mehr bestehen.
Das Verhalten des Menschen des Menschen ist ein komplexer Prozess, in dem die verschiedenen
ererbten Steuerungssysteme reflexartiger, triebhafter, emotionaler und
gedanklicher Art zusammenwirken - und nicht immer harmonieren. So kann die
angeborene Angst vor dem Sturz in die Tiefe in mir stärker sein als die rationale
Einsicht, dass mir nichts passieren kann, weil ich von einem elastisch federnden
Netz aufgefangen werde.
Der
Mensch besitzt im Vergleich zu anderen Lebewesen ein ungewöhnlich leistungsfähiges Großhirn, das ihm
gegenüber den Tieren eine überlegene
Intelligenz verleiht und den Menschen zum
vorherrschenden Lebewesen auf der Erde werden ließ.
Das menschliche Gehirn ist das größte und bei weitem komplizierteste Organ des menschlichen
Körpers. Es besteht aus der unvorstellbar großen Zahl von geschätzten 100 Milliarden Nervenzellen
(Neuronen). Jede Nervenzelle ist über Fortsätze (Dendriten) außerdem im
Durchschnitt mit ca. 1000
anderen Nervenzellen verknüpft.
Daraus ergibt sich eine äußerst komplexe
Struktur des Gehirns.
Die Nervenbahnen können sehr schnell
elektrische und chemische Impulse weiterleiten, sodass der Mensch in Bruchteilen
von Sekunden auf einen Reiz reagieren kann.
Im Unterschied zu anderen
Körperzellen verlieren die Nervenzellen beim Erwachsenen die Fähigkeit zur
Teilung und Neubildung. Abgestorbene Nervenzellen können vom Körper also nicht
ersetzt werden.
Im Gehirn des Menschen sind seine psychischen Eigenschaften und geistigen Fähigkeiten
gespeichert.
Wenn die Nervenzellen des Gehirns nicht arbeiten, was anhand der fehlenden
Gehirnströme feststellbar ist, ist trotz Funktionierens von Herz und Kreislauf
keine psychische Aktivität des Individuums möglich. Sind die Gehirnzellen
eines Individuums zerstört ("Hirntod"), so ist damit auch dessen
Persönlichkeit, seine Psyche zerstört.
Das menschliche Gehirn besitzt in Verbindung mit dem
übrigen Nerven- und Hormonsystem die Fähigkeit zur willkürlichen Muskelbewegung, zur äußeren
und inneren Wahrnehmung, zum Merken, Erinnern, Aufteilen, Kombinieren und
Verknüpfen von Bewusstseinsinhalten.
Aufbauend auf diesen Fähigkeiten kann ein Mensch dann komplexe
Tätigkeiten ausführen wie z. B.
Sprechen, Schreiben, Rechnen oder Schachspielen.
Das Gehirn befähigt die Menschen zum
Erlernen komplexer Zeichensystemen (Sprache), zur Erforschung von
Regelmäßigkeiten der Wirklichkeit (Wissenschaft), zur Erfindung von Geräten für verschiedenste Zwecke (Technik), zur Bildung großer sozialer Verbände
(Staaten) mit komplexen Organisationsformen (Recht, Moral) und zur Ausbildung
kultureller Ausdrucksformen (Religion, Kunst, Musik, Literatur).
Durch die Erfindung von Geräten und Hilfsmitteln für
die verschiedensten Zwecke haben die Menschen ihre Handlungsmöglichkeiten bedeutend
erweitert und die vorgefundene Umwelt verändert.
Gründe für die begrenzte Lebensdauer
der Individuen
Angesichts sich wandelnder Umweltbedingungen haben
sich nur solche Arten als langfristig
überlebensfähig erwiesen, die anpassungs- und entwicklungsfähig sind.
Lebewesen mit festgelegten Eigenschaften sind dagegen an eine bestimmte unveränderliche Umwelt
gebunden. Sie können keine andersgearteten Lebensräume besiedeln und gehen im
Falle von Veränderungen
zusammen mit ihrer Umwelt unter.
Die
Anpassung der Arten an veränderte Umweltbedingungen ist dadurch
möglich, dass das Genom der Eltern bei der Fortpflanzung nicht immer völlig
identisch auf die Nachkommen übertragen wird. Es kommen immer wieder zufällige Änderungen
(Mutationen) vor, sodass sich einige Exemplare der neuen Generation von der
bisher existierenden Art unterscheiden.
Zufällige
Mutationen verbessern in den allermeisten Fällen die Überlebenschancen nicht. Aber
es ist möglich, dass sich unter den zahllosen Mutationen
immer wieder auch eine befindet, die einen Überlebensvorteil mit sich bringt.
Dazu ein Beispiel. Durch eine Mutation ist die Färbung eines Schmetterlings
verändert worden. Die veränderte Färbung verbessert die Tarnung, so dass eine
geringere Wahrscheinlichkeit besteht, dass dieser Schmetterling von Vögeln
gefressen wird. Dieser Schmetterling kann seine Gene also erfolgreicher
weitergeben als ein Schmetterling mit der bisherigen Färbung. So kommt es, dass
mit der Zeit ein immer größerer Anteil der Schmetterlinge die neue Färbung
besitzt.
Je mehr Fortpflanzungen stattfinden, umso mehr Mutationen können dabei auftreten
und umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass darunter auch eine Mutation
ist, die für das Überleben förderlich ist.
Unter diesem Gesichtspunkt sind
Lebewesen, die sich alle 30 Jahre fortpflanzen, anpassungsfähiger im Falle von
Veränderungen der Umwelt als
Lebewesen, die uralt werden und sich nur alle 3000 Jahre fortpflanzen,
Im Falle der Zweigeschlechtlichkeit gilt eine entsprechende Argumentation. Die
Genmischung aus männlichem und weiblichen Erbgut führt zu neuartigen
Genkombinationen. Die Zahl der neu entstehenden Varianten ist dabei umso größer,
je häufiger es zur Fortpflanzung kommt. Damit ist auch die
Wahrscheinlichkeit größer, dass sich darunter eine Variante befindet, die sich
in der natürlichen Auslese als überlegen erweist.
Die begrenzte Lebensdauer des Individuums bildet insofern den "Preis", den das
Individuum für die verbesserte
Überlebensfähigkeit seiner Art zahlt.
Der Grund für die
Zweigeschlechtlichkeit
Wenn die Fortpflanzung einer Art durch eine einfache Teilung und Verdoppelung
der Chromosomen erfolgt, ergibt sich eine Veränderung der Erbinformationen nur
durch Mutationen. Dies ist bei zweigeschlechtlich vorkommenden Arten anders.
Die Sexualität ermöglicht eine stärkere Variation der Erbinformationen bei den
Nachkommen, denn die mütterlichen und väterlichen
Gene werden bei der Zeugung eines Nachkommen jeweils anders kombiniert.
Dadurch ist jedes Individuum in Bezug auf seine Erbinformationen einmalig, wenn
man einmal vom seltenen Fall eineiiger Zwillinge absieht.
Die
größere Variation der genetischen Strukturen bei der geschlechtlichen Fortpflanzung
erwies sich als
erfolgreicher für das Überleben von Arten als z. B. die starre Verdoppelung ein und
desselben genetischen Codes bei der Knospung. Allerdings müssen bei der sexuellen Fortpflanzung
die Keimzellen eines männlichen und eines weiblichen Individuums zusammengebracht werden.
Durch die Zweigeschlechtlichkeit ergab sich auch die Möglichkeit zur
"Spezialisierung" innerhalb einer Art - in weibliche und
männliche Individuen. Bei den Menschen konnte sich ein genetischer Unterschied zwischen
Mann und Frau herausbilden.
Frauen besitzen
ein XX-Chromosom, Männer stattdessen ein
XY-Chromosom. Gene, die zwar auf dem XX-Chromosom vorkommen, jedoch nicht auf
dem XY-Chromosom, führen dann zu "typisch weiblichen" Eigenschaften.
Umgekehrt führen Gene, die zwar auf dem XY-Chromosom vorkommen aber nicht auf
dem XX-Chromosom, zu "typisch männlichen" Eigenschaften.
Bei den Säugetieren tragen z. B. nur
die Weibchen die Nachkommen aus und ernähren die Neugeborenen durch Milch
produzierende Drüsen. Häufig sind die Männchen etwas größer und körperlich
stärker als die Weibchen. Deshalb kann man bei den meisten Arten schnell
erkennen, ob es sich um ein Weibchen oder ein Männchen handelt. Offensichtlich unterscheidet sich nicht nur das äußere Erscheinungsbild sondern
auch die nervlich-hormonelle Steuerung beider Geschlechter. Dies betrifft auch
das sexuelle Erleben und Verhalten.
Für die Unterschiede zwischen der männlichen und der weiblichen Sexualität von
Säugetieren ist von Bedeutung, dass ein "promiskes" Verhalten - also der Geschlechtsverkehr mit
wechselnden
Partnern - im Falle des Männchens zur Vergrößerung seiner Nachkommenschaft
führt, während das beim Weibchen nicht der Fall ist. Ein Männchen kann heute ein
Junges mit dem einen Weibchen zeugen und morgen mit einem anderen Weibchen das
nächste. Ein Weibchen, dessen Eizelle befruchtet wurde, kann dagegen frühestens dann
eine zweite Eizelle befruchten lassen, nachdem das erste Kind geboren wurde.
Dies gilt auch für den Menschen.
(Beim Folgenden handelt es sich um theoretische Hypothesen, für die kein
Anspruch auf gesicherte Erkenntnis erhoben wird.)
Außerdem gab es beim Menschen offenbar soziale Mechanismen zur Vermeidung der so
genannten "Inzucht", die zu genetisch bedingten Schädigungen der
Nachkommenschaft führt. Hierzu gehört neben dem Inzest-Verbot, das sich bei
allen menschlichen Gesellschaften findet, der Raub von Frauen anderer Stämme sowie
die Vergewaltigung und Entführung von Frauen besiegter Feinde. Beides scheint
über lange Perioden der Menschheitsentwicklung gängige Praxis gewesen zu sein.
Mit Einführung des Ackerbaus und dem
Entstehen von Kultur und Zivilisation gab es immer
wieder Fortschritte in Bezug auf Bewaffnung und Kampforganisation.
Dadurch hing die erfolgreiche Fortpflanzung und Vermehrung
der Männer zunehmend weniger von ihrem individuellen sexuellen Verhalten ab.
Stattdessen war entscheidend, ob der eigene Stamm in der Auseinandersetzung
mit anderen Stämmen siegreich war. Wichtig hierfür waren stabile soziale
Beziehungen in Form der Ehe, der Familie, des Eigentums und der Rechtsordnung, die ein organisiertes Zusammenwirken zahlreicher Individuen sowie
die Weiterentwicklung und Weitergabe von Fertigkeiten und Kenntnissen möglich
machten.
Unter diesen Bedingungen gefährdeten die archaischen "typisch männlichen"
Verhaltensweisen im Bereich Sexualität (Promiskuität, Rivalenkämpfe, Frauenraub)
zunehmend die Stabilität jener Institutionen, in denen die Lebensmittel und die
Werkzeuge produziert wurden und in denen die Aufzucht, Erziehung sowie
Unterrichtung der Nachkommen stattfand.
Dies bedeutet, dass
Männer mit ihrer genetisch erworbenen Sexualität sehr viel schlechter in eine
stabile, geordnete Gesellschaft passen als Frauen und dass sie mehr Probleme mit den Institutionen "Ehe"
und "Familie" haben.
Dies stimmt überein mit der Tatsache, dass Prostitution und Pornographie vor allem für Männer von
Interesse sind.
Begrenzte Formbarkeit entgegen
der genetisch verankerten Natur
Durch ihre Erbinformationen werden die Menschen nicht nur in Bezug auf Haarfarbe, Geschlecht und Körperbau bestimmt, sondern auch in Bezug auf die individuellen Unterschiede in Bezug auf das Nervensystem, die hormonale Steuerung und des Aufbaus des Gehirns. Wenn dies richtig ist, dann werden auch Temperament, Musikalität, Gedächtnisleistung oder Denkfähigkeit genetisch beeinflusst.
Die besondere
Lernfähigkeit des Menschen
Der
Mensch mit seinem ausgeprägten Großhirn
ist besser als die andere Säugetiere
zum Lernen fähig. Er kann aufgrund
der Erfahrungen, die er mit der Umwelt macht, zu Verhaltensweisen und
Gewohnheiten gelangen, die nicht genetisch verankert sind, sondern im
Laufe des Lebens in seinem Gehirn gespeichert werden. Und diese Kenntnisse,
Verhaltensregeln und Strategien kann das Individuum mit Hilfe der
Sprache an andere Individuen und insbesondere an seine Nachkommen weitergeben,
ohne dass diese Verhaltensmuster im genetischen Code verankert sein müssen.
Mit der Entwicklung der Schrift wurde diese "kulturelle Vererbung" von einer Generation auf die nächste sogar
unabhängig
von den
Beschränkungen des menschlichen Gedächtnisses und von der persönlichen
Unterweisung. Menschen konnten nun ihr Wissen aufschreiben und andere
konnten es auch noch nach vielen Jahren lesen und darauf aufbauen.
Dadurch war die Menschengattung immer weniger auf genetisch
fixierte "instinktive"
Verhaltensmuster angewiesen.
Durch diese besondere Fähigkeit zur Erkenntnis der Wirklichkeit und durch die
Umsetzung dieses Wissens in Werkzeuge, Techniken und Verhaltensregeln
erwies sich der Mensch den andern Lebewesen als überlegen. Die Anzahl der Menschen auf
dem Planeten Erde steigerte sich bis heute auf mehr als 6 Milliarden oder 6000
Millionen gegenüber geschätzten 20 Millionen noch vor 5000 Jahren. Sie ist damit
auf das 300fache gestiegen. Demgegenüber sind z. B. die Gorillas vom Aussterben
bedroht.
Dieser Erfolg der Gattung Mensch droht jedoch umzuschlagen, weil die
explosionsartige
Vermehrung zusammen mit einem ungebremsten Gebrauch der neuen technischen
Möglichkeiten zunehmend die Umweltbedingungen zerstört, die die Menschen auf
ihrem Raumschiff "Erde" zum Leben
brauchen. Ein Beispiel hierfür ist der Abbau der Ozonschicht, die die Menschen
vor der krebserregenden ultravioletten Strahlung aus dem Weltall schützt, und
die durch Abgase zersetzt wird.
Problematische
Erbeigenschaften des Menschen (Atavismen)
Aus der Entwicklungsgeschichte der
Menschheit und der damit einhergehenden Entwicklung des genetischen Codes
lässt sich folgern, dass alle genetisch verankerten
Eigenschaften des heutigen Menschen irgendwann
in der Vergangenheit einmal einen
Überlebensvorteil bedeutet haben müssen und sich deshalb durchgesetzt haben.
Allerdings muss das, was unter früheren Lebensbedingungen einmal vorteilhaft
war, nicht notwendig auch heute noch Überlebensvorteile bringen.
Dazu ein
Beispiel: Die Vorfahren der heutigen Menschen lebten wahrscheinlich in relativ kleinen Gruppen
(Stämmen
von ca. 500 Individuen). Diese Stämme konkurrierten mit den benachbarten Stämmen um
Gebiete und entsprechende Nahrungsquellen. Daraus ergaben sich immer wieder
Konflikte und Kämpfe. Die Bereitschaft zum Kampf
und letztlich zum Töten von Mitgliedern konkurrierender Gruppen ist unter
solchen Bedingungen überlebenswichtig.
Eine solche Aggressionsbereitschaft gegen
fremde Gruppen wird jedoch für das eigene Überleben problematisch, wenn die
Menschheit in weltweiten politischen Bündnissen organisiert ist und wenn Waffen
verfügbar sind, die alles Leben auf der Erde auslöschen können.
Allgemein
gesprochen heißt das: durch die technische Entwicklung ändern sich die
Lebensbedingungen der Menschen rapide, während sich gleichzeitig die menschliche
Natur nur sehr langsam verändert, mit dem Ergebnis, dass der heutige Mensch
zahlreiche problematische "Atavismen" aus grauer Vorzeit in sich trägt.
Für den Umgang mit solchen "unangepassten"
Eigenschaften der menschlichen Natur bietet sich zum einen das relativ
ungefährliche spielerische Ausleben etwa im Fußballstadion oder vor dem
Fernseher oder auch im Konzertsaal und in der Kunstausstellung an. Andererseits
muss die moderne Technik den menschlichen Bedürfnissen
angepasst werden und z. B. im Wohnungsbau und im Straßenbau so eingesetzt
werden, dass vor allem den Kindern ein Zusammenleben in überschaubaren Gruppen
möglich ist und der Kontakt zur Natur erhalten bleibt.
Die Auswirkungen
von Wissenschaft und Technik
In der genetischen Evolution werden die "Erfahrungen" der Organismen mit ihrer Umwelt in Form
erfolgreicher neuer Gene aufbewahrt, in denen nützliche
Eigenschaften und Verhaltensprogramme verankert sind. Mit der
Entwicklung von
anderen Informationsspeichern - zuerst in Form von Gehirnzellen
(Gedächtnis), dann auch davon
unabhängig in Büchern oder anderen Speichermedien - löste sich die Entwicklung
weitgehend von der genetischen Ebene ab und gewann eine eigene Dynamik.
Wissenschaft und Technik führten innerhalb vergleichsweise kurzer Zeiträume
- bezogen auf die Jahrmillionen der Evolution organischen Lebens - zu tiefgreifenden
Veränderungen der Verhältnisse auf der Erde. Technische Produkte wie Motoren,
Generatoren oder Transistoren sind für das Leben und Überleben der inzwischen mehr als 6
Milliarden Menschen auf der Erde unentbehrlich geworden. Die moderne Genetik
schafft sogar die Möglichkeit, das Genom eines Lebewesens gezielt zu verändern und damit die genetische Entwicklung der
vorhandenen Arten zu beeinflussen.
Gleichzeitig wurde auch die Waffentechnik weiter entwickelt.
Ferngelenkte Raketen, die atomare Sprengköpfe rund um den Globus tragen können,
bieten die Möglichkeit, ganze Städte und Länder zu zerstören und unbewohnbar zu
machen.
Wissenschaft und Technik haben dazu geführt, dass die Weltbevölkerung rapide
zunahm (sie hat sich seit 1959 verdreifacht). Die
ungebremste Ausbeutung der Natur und die Nicht-Berücksichtigung von schädlichen
Nebenfolgen der Technik drohen die menschlichen Lebensbedingungen langfristig zu
zerstören (radioaktive Verseuchung, Rodungen mit Bodenerosion, giftige Abfälle,
Zerstörung von Schutzschichten in der Atmosphäre, u. a. m.).
Die Entwicklung der technischen
Zivilisation hat dazu geführt, dass die Menschen, die über hunderttausende
von Jahren in relativ kleinen und voneinander weitgehend unabhängigen Gemeinschaften
-
Stämmen oder Großfamilien - gelebt haben, nun
rund um den Globus miteinander Handel treiben, telefonieren oder reisen.
Damit steigt die wechselseitige Abhängigkeit der Staaten, aber auch die
Möglichkeit von Konflikten wird größer. Da eine internationale Rechtsordnung
erst ansatzweise entwickelt wurde, kann es jederzeit dazu kommen, dass sich
irgendein militärischer Konflikt einmal ausweitet und in einen Dritten Weltkrieg
mündet.
***
Siehe auch
die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
Das Leben
***
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Letzte Bearbeitung 24.06.2008 / Eberhard Wesche
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